//Buchtipp: Underground Railroad

Buchtipp: Underground Railroad

Sein Buch „Underground Railroad“ gilt als bester amerikanischer Roman des Jahres. Colson Whitehead erzählt vom Schicksal eines Sklavenmädchens und vom allgegenwärtigen Rassismus

  • Es gibt Bücher, die sind wie einer dieser Züge aus einem Animationsfilm. Sie reißen alles und jeden mit sich und überrollen, was sich ihnen in den Weg stellt.

„Underground Railroad“ ist so ein Buch, eines, das sich in Amerika mit gewaltigem Getöse seinen Weg bahnte: erst in die Show von TV-Queen Oprah Winfrey, dann an die Spitze der Bestsellerlisten, dann zum National Book Award und zum Pulitzer-Preis (was an sich schon sensationell ist, denn dass ein Titel beide Großpreise abräumt, kommt nur alle Jubeljahre mal vor);

Barack Obama empfahl es nachdrücklich, Oscar-Preisträger Barry Jenkins („Moonlight“) will eine Fernsehserie daraus machen, und jetzt geht der Siegeszug im Ausland weiter:

Am 21. August erscheint „Underground Railroad“ (zum Glück unter dem Originaltitel) in Nikolaus Stingls Übersetzung bei Hanser. Und ganz vorn auf der Lokomotive steht der Autor, Colson Whitehead, und es ist ihm selbst nicht ganz geheuer bei dieser rasenden Fahrt.

Zum ersten Mal trafen wir uns 2004 in München, Whitehead und ich. Damals erschien sein Roman „John Henry Days“ über den schwarzen Volkshelden, der der Legende nach bei einem Tunnelbau 1850 im Wettstreit gegen einen Dampfhammer antrat und gewann – aber danach tot zusammenbrach. Wuchtig war auch dieses Buch schon.

Wir kamen bei unserem Interview eigentümlich vom Thema ab und sprachen über alles Mögliche: Bücher, die uns begeistern, das Leben in Brooklyn, wie es ist, Vater eines kleinen Mädchens zu sein. Whiteheads erste Frau war hochschwanger, aber trotzdem mitgereist aus New York nach Europa.

Die Idee zum neuen Buch existierte da schon. Entstanden aus der Welt der „John Henry Days“, der schwarzen Zwangsarbeiter in den Eisenbahntunneln, dem Gebrüll der Aufseher und der Hitze der Dampfmaschinen, dem Schweiß, dem Blut, dem Tod.

Whitehead wollte die Geschichte der „Underground Railroad“ erzählen, jenes geheimen Netzwerks, mit dem weiße Fluchthelfer im 19. Jahrhundert entflohene Sklaven aus den Südstaaten Richtung Norden schleusten.

Nur dass der Autor die Metapher wörtlich nahm:

  • Er wollte von echten Zügen erzählen, die unterirdisch die Transportdienste übernehmen, und die Geschichten der verzweifelt-hoffnungslosen Passagiere und der trotzig-heldenhaften Eisenbahner. Ein Fantasy-Roman, der von den realen Schrecken der amerikanischen Vergangenheit handelt, das schwebte ihm vor.

Alle Bücher, die er schrieb, waren nur ein Anlauf für dieses eine !!!!!

Zwölf Jahre lang hat er diesen Plan mit sich herumgetragen. Aber angegangen ist er ihn nie. „Ich war einfach noch nicht reif dafür“, sagt er heute.

  • „Ich war noch nicht gut genug für dieses Buch, das mir so viel bedeutete.“

Und dann sind die Jahre hinweggefegt über diese Idee, und er schrieb ein paar andere Romane, die seinen Ruf festigten als eine der aufregendsten Stimmen der US-Literatur, die insgeheim aber vor allem dem einen Zweck dienten: gut genug zu werden für das große Buch.

  • Whitehead schrieb über seine Heimatstadt („Der Koloss von New York“, 2005), über die Abgründe in einem amerikanischen Provinznest („Apex“, 2007), über die Gegend, in der er immer mit seinen Eltern Urlaub gemacht hatte („Der letzte Sommer auf Long Island“, 2011), und er schrieb eine Zombie-Geschichte, deren Helden er ironischerweise Mark Spitz taufte, nach dem Olympia-Schwimmer von 1972 („Zone One“, 2014).

Schließlich nahm er an der World Series of Poker in Las Vegas teil und schrieb auch darüber eine klug-komische Reportage:

  • „The Noble Hustle – Poker, Beef Jerky, and Death“, 2014.

Er ließ sich scheiden und heiratete neu: Inzwischen lebt er mit seiner zweiten Frau, der Literaturagentin Julie Barer, in einem schmucken Apartment im New Yorker West Village, ein paar Schritte weg vom Hudson River.

Nach dem Zombie-Buch wollte er eigentlich wieder ausweichen. Dem Herzensprojekt noch mal aus dem Weg gehen. „Ich habe ein halbes Jahr lang an einem Roman über die Digitalwirtschaft geschrieben“, erzählt er, als wir telefonieren. (Er ist ständig unterwegs in diesen Tagen der Preisverleihungen und Promo-Termine.) „Aber dann fand ich, dass das wohl eher ein Buch für einen 27-jährigen Nerd ist.

  • Und, ja, die Zeit war reif für ‚Underground Railroad‘“.

Das Buch erzählt vom Sklavenmädchen Cora, das ohne Eltern auf einer Plantage in Georgia aufwächst und irgendwann beschließt, zu fliehen vor der Gewalt, dem Wahnsinn, der Ungerechtigkeit.

Mit einem Freund läuft sie eines Nachts los, hinein in die Wälder und verfolgt von den „Niggerjägern“. Ein gottesfürchtiger Ladenbesitzer hilft den beiden schließlich per Untergrundverbindung nach South Carolina.

Doch die Schrecken der Sklaverei wird Cora nicht los, auch nicht, als sie weiterreist nach Norden, von Staat zu Staat.

Whitehead baut jetzt mehr und mehr irreale Elemente in die Geschichte ein. Es geht ihm nicht um historische Korrektheit, sondern um „gefühlte Wahrheit“. In North Carolina trifft Cora auf ein totalitäres Regime, das dem in Nazi-Deutschland nicht unähnlich ist.

Das Buch trifft empfindlich den Nerv des politischen Amerikas

„Underground Railroad“ erzählt mit großer Empathie vom Schicksal dieses schwarzen Mädchens.

Whitehead hat viele „Slave narratives“ gelesen, Berichte ehemaliger Sklaven, die in den 1930er-Jahren in den USA entstanden sind. Aber er will natürlich mehr als simple Geschichtsschreibung.

„Wenn du vom Rassismus damals erzählst, dann erzählst du zwangsläufig auch vom heutigen“, sagt er.

  • „Natürlich schildert mein Buch in gewisser Weise die Vorgeschichte zur Politik des gegenwärtigen Präsidenten und zu den Übergriffen weißer Cops auf schwarze Jugendliche.“

Er selbst hat seine eigenen Erfahrungen mit weißen Polizisten, obwohl er aus wohlhabenden Verhältnissen stammt.

Seine Eltern leiteten eine Personalberatungsfirma in New York. „Ich wurde viel häufiger und viel brutaler von Cops kontrolliert als meine weißen Kumpel“, sagt er.

  • „Für diese Typen bist du immer Abschaum, immer ein Verbrecher, allein wegen deiner Hautfarbe.“

Insofern trifft sein Buch empfindlich genau den Nerv der amerikanischen Gegenwart.

Ohne dass er sich das hätte träumen lassen, vor mehr als zwölf Jahren, als er die Geschichte zum ersten Mal auf einem Blatt Papier skizzierte.

Quelle: Focus Online

2017-09-23T19:02:51+00:00 16.09.2017|Buch-Tipps|0 Comments

Leave A Comment